Simitthu (Chimtou, Chemtou) im Gouvernorat Jendouba

Simitthu (auch Simithu oder Simitthus), das heutige Chimtou (oder Chemtou) im nordwestlichen Tunesien, war in der Antike eine Stadt in der Provinz Africa proconsularis. Die Besiedlungsgeschichte reicht mindestens vom 4./5. Jh. v. Chr. bis in das 9./10. Jh. n. Chr.

Vor allem bekannt war der Ort jedoch für seine Steinbrüche, in denen der gelbe „marmor numidicum” oder „giallo antico” abgebaut wurde, einer der am meisten geschätzten Marmore des Römischen Reiches.

Simitthu Chimtou Ausgrabungsstätte

Chimtou befindet sich im äußersten Nordwesten Tunesiens, etwa 23 Kilometer westlich der Provinzhauptstadt Jendouba. Es liegt am Mittellauf des Oued Medjerda (röm. Bagradas), des größten immer wasserführenden Flusses des Landes. Die obere Medjerda-Ebene ist bis heute das landwirtschaftlich ertragreichste Gebiet Tunesiens. Das regelmäßig geschnittene Flusstal wird im Westen und Norden von hohen bewaldeten Bergen, im Süden von flacheren Höhenrücken begrenzt.

Chimtou ist zwar vor allem für den Marmorabbau in römischer Zeit bekannt, die Region war jedoch bereits ab prähistorischer Zeit kontinuierlich besiedelt und zog ihren Reichtum aus der großen landwirtschaftlichen Fruchtbarkeit des Medjerda-Tals. Bereits in vorrömischer Zeit herrschte ein reger Rohstoffabbau. So wurden in Ain el Ksair schwarzer Marmor und Kalkstein, bei der nahegelegenen byzantinischen Siedlung Bordj Hallel grüner Kalkstein und in Thuburnica gelber Sandstein abgebaut.

Archäologische Forschungsarbeiten

Simitthu Chimtou Ausgrabungsstätte

Ende des 19. Jahrhunderts: Erste archäologische Ausgrabungen von J. Toutain, aber recht bald wieder eingestellt. So wurden in Chimtou im Gegensatz zu anderen Ruinenstätten wie Thugga oder Sbeitla/ Sufetula nie Freilegungen in großem Stil durchgeführt.
1965: In einer Kooperation zwischen der Römischen Abteilung des DAI und dem damaligen Institut National d’Art et d’Archéologie, dem heutigen Institut National du Patrimoine (INP), beginnen die ersten deutsch-tunesischen Gemeinschaftsgrabungen in Simitthus. Besonderes Interesse kam dabei zunächst der Erforschung des größten Steinbruchs des antiken Nordafrika sowie seiner Entwicklungsgeschichte und Technologie zu, die zur Entdeckung eines hellenistisch-numidischen Höhenmonuments mit römisch-byzantinischen Umgestaltungsphasen führte. Am Djebel Bou Rfifa konnten zwei weitere römische Heiligtümer, die Tempelbezirke der Dii Mauri und der Caelestis, sowie der in Nordafrika umfangreichste Komplex kleiner Felsreliefs, die wie das römische Hauptheiligtum am Djebel Bou Rfifa dem Gott Saturn galten, erfasst und dokumentiert werden.

Simitthu Chimtou Ausgrabungsstätte

1970er Jahre: Anhand luftbildarchäologischer Untersuchungen wurde ein über 20.000 m² großes Steinbruchlager ausfindig gemacht, dass einen einmaligen Befund innerhalb des römischen Reiches darstellt. Dabei handelt es sich um ein von der Stadt abgesondertes Areal der kaiserlichen Steinbruchverwaltung mit ihrer später zu einer ‘Fabrica’ für die Serienproduktion von Marmorobjekten umgewandelten ehemaligen Kaserne der Arbeitssklaven, dem sog. Ergastulum. Die Forschungstätigkeiten konzentrierten sich zudem auf eine unter dem römischen Forum erhaltene vorrömische Nekropole mit monumentalen Grabbauten. Die Nekropole gehörte zu einer benachbarten numidischen Siedlung, deren erste Spuren in den 1980er Jahren entdeckt und deren weitere Erforschung ein Ziel der im Jahre 2008 aufgenommenen Arbeiten ist.
Neben einer Vielzahl bisher ungedeuteten Gebäuden – nur einzelne Bereiche der Stadt sind bisher ausgegraben – konnten ein mehrphasiges römisches Forum, ein Marktgebäude, mehrere römische Nekropolen, mindestens fünf frühchristlich-byzantinische Kirchenbauten, zumindest drei Thermenkomplexe, ein ‘Kaiserkultbau’, mehrere Ehrenbögen, ein Nymphäum, sowie der Unterhaltung dienende Bauten wie Theater und Amphitheater identifiziert werden. Dieses Ensemble wird komplettiert von der in trajanischer Zeit errichteteten größten Römerbrücke Nordafrikas, einer spätantiken, von Turbinen angetriebenen Getreidemühle, und einem römischen Aquädukt mit einem außerhalb der Stadt liegenden siebenschiffigen Hochdruckspeicher bzw. einem ‘castellum divisorum’, einem Wasserverteilungsbau im Zentrum der Stadt.

Simitthu Chimtou Ausgrabungsstätte

2009: Wiederaufnahme der Arbeiten in Chimtou. Die Grabungskampagne konzentrierte sich auf die Sondagen der Jahre 1980-84 nördlich des Forums, die im Rahmen der Altgrabung noch nicht publiziert wurden. Die Kernbereiche hierfür waren die Aufarbeitung fehlender Befunde, die publikationsreife Aufnahme des Fundmaterials und die Erstellung eines GIS-gestützten Grabungsplans. Weitere Teilprojekte betrafen die römische Brücke über die Medjerda mit mindestens zwei nachtrajanischen Umbauphasen, deren Bearbeitung im Rahmen einer von der DFG geförderten Untersuchung durch Dr. Klaus Müller erfolgt. Eine anthropologische Studie zu den Menschen- und Tierknochenfunden der Forumsgrabung durch Dr. Renate Hahn steht zum Druck bereit. Die Auswertung der Grabungen, die die numidische Nekropole selbst betreffen, obliegt der tunesischen Kooperationsseite. Hinzu kommen die Aufarbeitung und Publikation eines spätantiken Münzschatzes, der bei Ausgrabungen vor dem Museum ans Licht kam, durch Dr. Hans-Roland Baldus (†) und Prof. Dr. Mustapha Khanoussi. Außerdem eine Studie zu den Tierknochen von Dr. Günter Nobis (†). Die Aufarbeitung der umfangreichen Archivbestände der Grabung wird innerhalb eines größeren Projekts eines digitalen Nordafrika-Archivs in Zusammenarbeit mit der Arbeitsstelle für Digitale Archäologie (CoDArchLab) am Archäologischen Institut der Universität zu Köln angegangen.

Simitthu Chimtou Ausgrabungsstätte

Anfang 2010: An die Reaktivierungsmaßnahmen der alten Grabungen knüpften neue Feldforschungen an, die in Form von stratigraphischen Grabungen im Bereich des Forums durchgeführt werden. Unter Berücksichtigung von altem Planmaterial und neuen Messdaten entsteht parallel dazu erstmals eine digitale archäologische Karte Chimtous auf der Basis eines Geoinformationssystems (GIS). In einem weiteren Projekt wird außerdem seit März 2010 die systematische Bauaufnahme eines als ‘Kaiserkultbau’ interpretierten Gebäudes im Nordwesten der Stadt unternommen. Im Jahr 2012 konnten drei Grabungskampagnen im Tempelareal durchgeführt werden.

November 2010 und Oktober 2012: In Kooperation mit der Arbeitsgruppe ‘Geophysikalische Prospektionen’ des Archäologischen Instituts der Universität zu Köln wurden großflächige geophysikalische Untersuchungen in Chimtou durchgeführt. Prospektiert wurde die Umgebung des sogenannten Arbeitslagers sowie große Teile des Stadtgebiets. Zum Einsatz kamen Magnetometrie, elektrische Widerstandsmessung und Georadar, die hervorragende Ergebnisse erbrachten. Vor allem mit Hilfe der Magnetometrie konnten Straßen und Gebäudekomplexe detailliert erfasst werden, stellenweise bis hin zur Kenntnis einzelner Raumstrukturen, insbesondere im Gebiet des Tempelareals, in dessen unmittelbarer Nähe ein ausgedehnter Kirchenkomplex festgestellt werden konnte.

Die archäologischen Untersuchungen werden von umfangreichen Restaurierungs- und Konservierungsarbeiten begleitet, die eine dauerhafte Sicherung und Präsentation der ergrabenen Flächen und die konservatorisch-museale Betreuung der dabei gewonnenen Funde und Befunde zum Ziel haben. Insbesondere der römische Tempel und die monumentale Platzanlage, die zusammen einen der wichtigsten Baukomplexe des antiken Simitthus darstellen, werden derzeit gemeinsam mit der Deutschen Botschaft Tunis mit Mitteln des Kulturerhalt-Programms des Auswärtigen Amts konserviert und für die Öffentlichkeit neu konzipiert.
Für die von hoher Arbeitslosigkeit geprägte Region um Chimtou schafft das Projekt rund um den Kaiserkulttempel zusätzlich dringend benötigte Beschäftigung. Insbesondere nach dem “Arabischen Frühling” bildet dies eine Möglichkeit die Menschen vor Ort kurz- und langfristig zu unterstützen. Das Projekt ergänzt in idealer Weise die Maßnahmen des DAI im Bereich der Transformationspartnerschaft.

Simitthu Chimtou Museum

Ab 1992 wurde in Chimtou ein archäologisches Museum eingerichtet und 1997 eingeweiht: das Musée Archéologique de Chimtou. Bei den Bauarbeiten kam es 1993 zu einem spektakulären Goldfund von 1.447 Münzen aus römischer Zeit. Im Museum sind die Ergebnisse der Forschungen von 1965 bis 1995 ausgestellt. Im zentralen Innenhof kann die rekonstruierte Fassade des hellenistisch-numidischen Höhenmonuments mit den bedeutenden Fragmenten der Architekturdekoration aus dem 2. Jh. v. Chr. in Originalgröße besichtigt werden. Außerdem wurde 1999 ein Film erstellt, der die Forschungsergebnisse zwischen 1965 und 1999 in fünf verschiedenen Sprachen zusammenfasst.

Quellen:
Wikipedia
Museum Chimtou
Deutsches Archäologisches Institut (DAI)

Das könnte Ihnen auch gefallen

Redaktion

- Seit 2000 regelmäßig als Urlauber in Tunesien - Seit 2006 als Individualreisender in Tunesien unterwegs - Seit 2010 wohnhaft in Tunesien