4 gewinnt: neue Ameisenarten entdeckt – Statt einer gibt es vier Ameisenarten der Gattung Tapinoma

Senckenberg-Wissenschaftler haben die aus dem Mittelmeerraum stammende Ameise Tapinoma nigerrimum untersucht, die dort und zunehmend auch nördlich der Alpen als Invasionsameise auftritt. Die großangelegte Studie zeigt, dass es sich dabei nicht um eine sondern vier eigenständige Arten handelt. Sie stehen in direkter Konkurrenz zu anderen Ameisenarten. Die Studie wurde kürzlich im Fachmagazin „Myrmecological News“ veröffentlicht.

Die effizienten chemischen Waffen und Rekrutierungssysteme der viele Millionen Arbeiterinnen umfassenden Superkolonien und deren Fähigkeit den Imperien der Argentinischen Heeresameise im Mittelmeerraum erfolgreich Widerstand zu leisten machen Ameisen der Tapinoma-nigerrimum-Gruppe zu einem besonders interessanten Forschungsobjekt. Die Ameisen sind ursprünglich im westlichen und zentralen Mittelmeerraum heimisch. Dort fühlen sich die Sechsbeiner besonders in degradierten Landschaften mit wenig Baumwuchs, in Küstengebieten und menschlichen Siedlungsgebieten wohl. Ihr in der Analdrüse produzierter Kampfstoff ist für alle Ameisenarten hochgiftig.

Im Vordergrund der Forschung an diesen Ameisen standen bisher vor allem Kampfgebaren und Schadwirkungen in Siedlungen, Gartenbau und Landwirtschaft. Nun hat Dr. Bernhard Seifert vom Senckenberg Museum für Naturkunde Görlitz zusammen mit einem internationalen Forscherteam einen Blick auf die Systematik der Arten geworfen – und Überraschendes zutage gefördert. „Wir konnten mit unserer Studie zeigen, dass es, anders als bisher angenommen, nicht nur eine, sondern vier Arten dieser Drüsenameise gibt“, erklärt Seifert, der Erstautor der Studie ist. Durch Untersuchung 100 bis 170 Jahre alter, für die zoologische Namensgebung entscheidender Referenzexemplare, der sogenannten Primärtypen, konnten die bislang bestenfalls als innerartliche Varianten angesehenen T. nigerrimum, T. magnum und T. ibericum als verschiedene Arten enttarnt werden. Eine vierte Art, T. darioi, war der Wissenschaft bisher vollständig unbekannt. Sie wurde in der Studie als neue Art beschrieben und zu Ehren des früh verstorbenen römischen Myrmekologen Dario D´Eustaccio benannt, einem der Hauptakteure dieses Projekts.

Die vier Arten von Tapinoma unterscheiden sich in ihrer Morphologie, ihrem Kolonieaufbau, der Verbreitung und der DNA. „Jedoch sind sie selbst von einem erfahrenen Experten nicht durch einfache Augenscheinbetrachtung unterscheidbar. Zwei Millionen Jahre getrennter Evolution haben praktisch keine Unterschiede im äußeren Erscheinungsbild erzeugt“, erklärt Seifert. Da eine DNA-analytische Untersuchung die kostbaren und sehr fragilen Primärtypen in unvertretbarer Weise beschädigt hätte, mussten die Wissenschaftler eine beschädigungsfreie Untersuchungsmethode entwickeln, die vom Menschen optisch nicht wahrnehmbare Artunterschiede sichtbar macht. Dies gelingt mit dem sogenannten NUMOBAT-Verfahren (Numeric Morphology-Based Alpha-Taxonomy), in dem unter anderem ein ausgeklügelter, kürzlich entwickelter mathematischer Algorithmus eine wichtige Rolle spielt. Da bei dem Verfahren nur Lichtwellen auf die in den Museen von Wien, Genua und Basel aufbewahrten Typusexemplare einwirken bleiben diese unbeschädigt. Das internationale Wissenschaftler-Team analysierte 159 Nestproben aus elf verschiedenen Ländern (Algerien, Belgien, Deutschland, England, Frankreich, Italien, Marokko, Niederlande, Portugal, Spanien und Tunesien).

Die umfangreiche Analyse förderte neben den vier neuen Arten noch weitere Besonderheiten ans Licht: die drei Superkolonien bildenden Arten T. magnum, T. ibericum und T. darioi sind hoch invasiv und wurden bereits in urbanen Gegenden nördlich des 48. Breitengrads entdeckt. Auslöser der Verbreitung waren eingeführte Pflanzen, in denen die Tiere saßen. Auch kältere Winter wie in Deutschland mit Temperaturen unter dem Gefrierpunkt können die Ameisen ohne nennenswerte Verluste überleben. Die drei Arten wurden schon in Südengland, Nordfrankreich, Belgien, Holland und Deutschland als Schädling und Lästling bekannt.

„Damit geht von diesen Tapinoma eine nicht zu unterschätzende Belastung für die Städte nördlich der Alpen aus“, sagt Seifert und fährt fort: „Zudem ist in wenigen Jahrzehnen für unsere Breiten durchaus zu erwarten, dass ein permanenter Krieg zwischen den Imperien invasiver Ameisen einsetzt, da sich Superkolonien unterschiedlicher Arten, wo immer sie aufeinandertreffen, sehr feindlich gegenüberstehen.“

Insbesondere wird es spannend sein, so der Experte, zu beobachten wie sich die superkoloniale, nicht näher verwandte Invasionsameise, Lasius neglectus, die ebenfalls nördlich der Alpen vorgedrungen ist und hier Bewohner ganzer Siedlungsgebiete in Unruhe versetzt, mit ihren Tapinoma-Gegnern auseinandersetzt.

Quelle: IDW