Exportinitiative Umwelttechnologien: Lösungen für das tunesische Müllproblem in Sicht?

Im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi) führt die Afrika-Verein Veranstaltungs-GmbH im Rahmen der Exportinitiative Umwelttechnologien vom 25. bis 29. Juni 2018 für Unternehmen mit Sitz in Deutschland eine Geschäftsanbahnungsreise nach Tunesien zum Thema Abfall- und Recyclingwirtschaft durch. Ziel der Reise ist es, den Teilnehmern individuelle Erstkontakte zu tunesischen Geschäftspartnern zu vermitteln.

Unterstützt wird sie bei der Durchführung von der Deutsch-Tunesischen Industrie- und Handelskammer (AHK Tunesien), dem Bundesverband der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Rohstoffwirtschaft e.V. (BDE), dem Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung e.V. (bvse), dem Clausthaler Umwelttechnik-Institut (CUTEC), der International Solid Waste Association (ISWA), der tunesischen Investitionsförderagentur FIPA und dem Arbeitgeberverband Tunesiens UTICA.

Im Vorfeld erhalten die deutschen Teilnehmer branchenspezifische Informationen zu Tunesien sowie zum Zielmarkt und potenziellen Geschäftspartnern. Im Rahmen der Reise werden die deutschen Teilnehmer die Gelegenheit haben, ihr Angebot für den tunesischen Markt auf einer eigens organisierten Fachkonferenz zu präsentieren, für sie individuell vereinbarte Geschäftsanbahnungsgespräche zu führen und an Projekt- und Firmenbesuchen teilzunehmen.

Im Rahmen der G20-Initiative „Compact with Africa“ möchte Tunesien als Partnerland Deutschlands sein solides Investitionsklima durch zusätzliche Reformen weiter stärken. Im Bereich Abfall- und Recyclingwirtschaft wächst angesichts steigenden Abfallaufkommens das politische Bewusstsein für die Relevanz einer verbesserten Müllentsorgung und des Recyclings werthaltiger Sonderstoffe. Teils international geförderte Initiativen umfassen den Bau professioneller Deponien und Umschlagstationen. Deren privatwirtschaftlich organisierter Betrieb zählt zu den zahlreichen Chancen, die sich für Unternehmen aus der Branche bieten.

Für die Bewältigung des bereits hohen und für die nächsten Jahrzehnte weiter steigenden Aufkommens von Haushaltsabfällen in Tunesien, ist die Einführung einer angemessenen Abfallwirtschaft zwingend erforderlich. Aus diesem Grund rückt zunehmend die Frage in den Vordergrund, wie zukünftig die Überfüllung von Abfalldeponien durch verbesserte Gestaltung von Abfallsammlung, -trennung, -behandlung vermieden werden kann. Daneben ist die Abfallproblematik in Tunesien eine deren Lösung sich erheblich positiv auf die Arbeitslosigkeit auswirken kann: Die Abfallwirtschaft ist ein verheißungsvoller Sektor für die Schaffung neuer Arbeitsplätze sowohl für Akademiker als auch bildungsferne Personen im von Arbeitslosigkeit geplagten Tunesien.

Laut der staatlichen Abfallbehörde Agence Nationale de Gestion des Déchets (ANGed) betrug die jährliche Menge an Haushaltsabfällen im Jahr 2014 geschätzt 2,7 Millionen Tonnen. Das Hausmüllaufkommen in städtischen Gebieten betrug 0,7 bis 1 kg pro Tag und Person, während auf dem Land lediglich 0,2 bis 0,5 kg pro Tag und Person aufkamen. Insgesamt fielen 53.000 Tonnen Abfall aus Verpackungsmaterialen an. Der organische Anteil der Haushaltsabfälle betrug 68 Prozent. Insbesondere in diesem Bereich bestehen wirtschaftliche Potenziale für Lagerung, Abtransport und Weiterverwertung (z.B. Biogas oder kommunale Kompostierungsanlagen). Die Daten entstammen einer im Rahmen des regionalen Netzwerks für integrierte Abfallwirtschaft im MENA-Raum, SWEEP-Net, veröffentlichte Studie vom April 2014, der zufolge das Hausmüllaufkommen bis zum Jahr 2025 von etwas mehr als 1,7 Millionen Tonnen im Jahr 2000 auf über 3 Millionen Tonnen für das Jahr 2025 steigen wird.

Im Rahmen eines nationalen Strategieprogramms führt die ANGed seit 2013 Projekte für individuelle Kompostierungslösungen von organischen Küchen- und Gartenabfällen in Schulen und Wohngebieten durch. Noch im Jahr 2012 konnten lediglich 70 Prozent des gesamten Hausmüllaufkommens auf kontrollierten Deponien gelagert werden. Mittlerweile sind städtische Gebiete mit durchschnittlich über 80 Prozent abgedeckt. Restliche Abfälle werden auf wilden Deponien ausgelagert. Auf dem Land sind Abfallsammelsysteme sogar noch überwiegend abwesend. Hier sind professionelle Lösungen gefragt.

Neben diesen logistischen Problemen, bestehen die Hauptprobleme der tunesischen Abfallentsorgung zudem in fehlenden Entsorgungsmöglichkeiten für bestimmte Müllarten, mangelhaften Recycling-Praktiken sowie fehlenden Systemen für die Deckung der Müllentsorgungskosten. Daher mehrten sich in der Vergangenheit insbesondere für die industriellen Zentren Tunesiens Programme zur Verbesserung der Müllentsorgung. Auch seitens der Politik ist der Wille zu spüren nach der Revolution den politischen Druck zu erhöhen und neue Wege zu beschreiten.

Im Bereich der Siedlungsabfälle erfolgen Sammlung und Transport bisher nur in geringem Maß durch private Unternehmen, 2014 waren es 10 %. Dieser Anteil soll aber weiter ausgebaut werden. Auch der Betrieb von Deponien liegt zunehmend in privater Hand, während der Deponiebau selbst staatlich erfolgt. Derzeit sind mehr als 15 Deponien und 48 Umschlagstationen in 83 Kommunen im Betrieb. Darüber hinaus befinden sich zehn weitere Deponien und mehr als 100 Umschlagstationen in 98 Kommunen in Planung. Deutsche Unternehmen haben sich bislang nur sehr zurückhaltend in diesen Prozess eingebracht. Als aktive Branche sind derzeit Ingenieurbüros zu nennen, die daran beteiligt sind verschiedenste Konzepte für tunesische Unternehmen zu erstellen.

Seitens der Politik wurden bereits einige Abfalldomänen privatisiert. Es besteht jedoch weiterer Handlungsbedarf insbesondere in den Bereichen Elektronik-, Krankenhausabfälle und Altbatterien. Erste Schritte in diese Richtung wurden eingeleitet jedoch nicht abgeschlossen, so dass sie sich nun in einem für Optimierungsvorschläge offenen Zustand befinden.

Unter anderen unterstützt aktuell die deutsche KfW im Rahmen des 17 Millionen Euro starken Verbundfinanzierungsvorhabens “Investitionsfonds Abfallverwertung” die nationale tunesische Abfallbehörde ANGedm mit einer Finanzierung von 9,2 Mio. EUR bei der stofflichen (Material-Recycling) als auch der energetischen Verwertung (Nutzung von Abfällen zur Erzeugung von Energie). Ein Vielfaches hat die KfW in den letzten Jahren bereits in den Bau mehrerer Deponien mit zugehörigen Umschlagstationen investiert. Weitere von internationalen Institutionen finanzierte Programme der Segmente Sammlung und Transport sowie Transfer, Deponierung und Verwertung von Abfällen, die durch die Revolution 2011 und folgende Übergangsregierungen ins Stocken gerieten, bieten Deutschen Unternehmen zukünftig wieder Chancen ebenso wie die zahlreichen privatwirtschaftlichen Initiativen in der Entsorgung und Wiederaufbereitung von Abfällen in Tunesien.

Foto: Symbolfoto

Quelle: Afrikaverein der deutschen Wirtschaft