GTAI: Neue Kooperationsmöglichkeiten für den tunesischen IT-Sektor

Bis vor kurzem war Tunesiens IT-Sektor vor allem als Offshoring-Standort beliebt. Inzwischen gehen immer mehr tunesische Start-ups selbst den Weg ins Ausland. Die Bedeutung der Informations- und Kommunikationstechnik für Tunesien steigt weiter. Pressemeldungen zufolge liegt der Beitrag zum Bruttoinlandsprodukt mittlerweile bei 11 Prozent, 2017 lag er noch bei 7 Prozent. Im Jahr 2018 dürfte das Wachstum der Branche ebenfalls bei etwa 7 Prozent gelegen haben. Das ist zwar weniger als in den Jahren seit 2010, aber immer noch deutlich über dem gesamtwirtschaftlichen Wachstum.

Die Regierung Tunesiens tut einiges dafür, damit das so bleibt. Mit dem Programm „Smart Tunisia“ sollen neue Arbeitsplätze im IT-Sektor geschaffen werden. Seit Ende der 2000er Jahre gelang das vor allem in den über das Land verteilten „Cyberparks“. Hier siedelten sich internationale IT-Firmen an, um in der Auslagerung von Geschäftsprozessen (Business Process Outsourcing, BPO) und für IT-Anwendungen (Information Technology Outsourcing, ITO) gut ausgebildete Fachkräften zu günstigen Löhnen einsetzen zu können.

Inzwischen erhalten jedes Jahr über 12.000 IT-Absolventen ihr Diplom an einer tunesischen Hochschule. Die Löhne liegen je nach Qualifikation und Erfahrung zwischen 170 und 340 Euro. Das Lohngefälle mit Europa sorgt für immer stärkere Fliehkräfte: Schätzungen zufolge haben seit 2011 etwa 95.000 Ingenieure das Land verlassen, alleine in den letzten beiden Jahren sollen jeweils 10.000 IT-Fachkräfte gegangen sein, mehr als 80 Prozent davon nach Europa.

Langfristig könnte sich dieser Trend als Nachteil für Tunesiens Ambitionen erweisen, zum IT-Hub zwischen Europa und Afrika zu werden. Ein wichtiger Baustein für das Gelingen der Strategie ist die Verbesserung der Rahmenbedingungen für Geschäftsgründer. 2018 verabschiedete das Parlament den Start-up-Act. Ein Expertengremium entscheidet über die Vergabe dieses Labels, das Gründern und Investoren mehr Freiraum und Sicherheit gibt. Es ermöglicht Start-ups beispielsweise die Eröffnung eines speziellen Devisenkontos, Gründern bei Misserfolg die Rückkehr in ihren ursprünglichen Job, und es bietet Investoren Steuerersparnis und einen Garantiefonds. Etwas über ein Jahr nach der Verabschiedung des Gesetzes haben 44 Start-ups das Label erhalten.

Wachstum durch Datennutzung
Was die Nutzung von IT-Technologien in Tunesien angeht, wachsen die Abonnementszahlen vor allem in der Datenübertragung, sowohl im Festnetz (+25 Prozent) wie auch im Mobilfunk (+17 Prozent). Die Durchdringungsraten nehmen ebenfalls zu, liegen für mobile Techniken aber deutlich höher als für das Festnetz. Weniger als die Hälfte der tunesischen Haushalte hat einen Festnetz-Telefonanschluss, Internet erreicht etwa 34 Prozent der Haushalte auf diesem Weg. Die Durchdringungsrate für Mobiltelefonie liegt dagegen bei 127 Prozent der Einwohner, bei der mobilen Datennutzung bei 75 Prozent.

Für das wachsende Datenvolumen sieht sich Tunesien gut gerüstet. Die Infrastruktur ist vorhanden: 4G-Lizenzen sind bereits seit 2016 vergeben, im April 2019 wurde verkündet, dass 5G ab 2021 verfügbar sein soll. 2015 ging Nordafrikas größtes Datenzentrum Dataxion in Betrieb, das seit Beginn mit einer Tier-3-Klassifizierung als besonders ausfallsicher eingestuft ist. Betreiber von Dataxion ist die tunesische Groupe Poulina. Inzwischen gibt es weitere kommerzielle Datacenter mit hohen internationalen Standards.

Mit dem Internet der Dinge und künstlicher Intelligenz in neue Märkte
Mit dieser Infrastruktur geht Tunesien nun auch den Weg in Richtung Industrie 4.0 und Internet der Dinge (Internet of Things, IoT). Wie sich die Unternehmen, die bereits dorthin unterwegs sind, diesen Weg vorstellen, hat das „Institut Tunisien des Etudes Strategiques“ in einer Studie aus dem Oktober 2018 ermittelt, in der Branchenvertreter befragt wurden. Energie, Landwirtschaft und intelligentes Bauen kristallisierten sich als häufigste Anwendungsgebiete der jeweiligen Produkte und Dienstleistungen heraus.

Als Zielmärkte wurden neben Tunesien vor allem Afrika (70 Prozent) und Europa (63 Prozent) genannt. Wesentliche Risiken in der Anwendung des IoT sahen die Fachleute in der Sicherheit der Daten sowie der technischen Systeme. Vor allem hier dürften sich Kooperationsmöglichkeiten für deutsche Anbieter ergeben. Laut Studie wird der tunesische Markt derzeit noch als zu klein eingeschätzt, um ausreichend Know-how und Technik auf diesem Feld selbst zu bieten.

Auch Amel Saidane, Gründerin eines Start-ups und Präsidentin des tunesischen Start-up-Verbandes, sieht die Kunden eher im Ausland. In der von ihrem Verband initiierten Datenbank TSIndex (http://www.tsindex.org) haben sich bisher 600 Start-ups registriert, fast 90 Prozent davon exportieren nach eigenen Angaben ihre Produkte und Dienstleistungen. Nach Webentwicklung und Mobile Development ist künstliche Intelligenz das meistgenannte Geschäftsfeld.

Damit konnte zuletzt InstaDeep überzeugen. Im Mai 2019 meldete das tunesische Start-up, 7 Millionen US-Dollar von Investoren eingesammelt zu haben. Die 70 Mitarbeiter von InstaDeep verteilen sich inzwischen auf Büros in London, Paris, Lagos und Nairobi. Von dort aus werden Kunden bei der Einbindung künstlicher Intelligenz und maschinellen Lernens unterstützt. Die neuen Gelder sind für den Aufbau einer skalierbaren Plattform vorgesehen, die Anwendern bei der Optimierung und Automatisierung vor allem aus den Bereichen Logistik, Mobilität, Energie, und Produktion Mehrwert bieten soll.

Titelbild: „Netzwerkkabel“by Tim Reckmann | a59.de is licensed under CC BY 2.0

Quelle: Germany Trade and Invest (GTAI)

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