Neues Merian-Zentrum zur Maghreb-Forschung in Tunesien

Die Zukunft des Maghreb – zu dem Tunesien, Algerien, Libyen, Marokko und Mauretanien zählen – ist nicht nur für die Region selbst wichtig. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weltweit schauen auf den Maghreb, wenn sie zu einigen der brennendsten Themen unserer Zeit forschen: Migration, Verteilung von Ressourcen, religiöse Konflikte und Identitätskonflikte.
Am 1. April 2020 startet auf Initiative der Philipps-Universität Marburg ein Merian-Zentrum in Tunesien. Forschungsthema ist die Entwicklung des Maghreb nach dem Arabischen Frühling. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) fördert das Merian-Zentrum während einer ersten dreijährigen Förderphase mit insgesamt mehr als 1,7 Millionen Euro.

Das „Merian Centre for Advanced Studies in the Maghreb“ (MECAM) bietet der Maghreb-Forschung eine internationale Plattform. Das Leitthema lautet „Imagining Futures – Dealing with Disparity“. Koordiniert wird das Zentrum von Prof. Dr. Rachid Ouaissa vom Marburger Centrum für Nah- und Mitteloststudien (CNMS). Partner in Tunesien sind die Université de Tunis, die Université de Sfax sowie das Institut Tunisien des Études Stratégiques in Tunis. Weitere Beteiligte sind die Universität Leipzig, das German Institute of Global and Area Studies (GIGA) in Hamburg und das Forum Transregionale Studien in Berlin.

„Das Merian-Zentrum wird maßgeblich zur weiteren Internationalisierung des Forschungsprofils der Geistes- und Sozialwissenschaften in den beteiligten Ländern beitragen. An der Philipps-Universität Marburg ist es in unsere strategischen Bestrebungen eingebettet, ausgewählte Forschungsbereiche mit deutschen und internationalen Partnern weiter zu entwickeln und zu stärken“, sagt Prof. Dr. Katharina Krause, Präsidentin der Philipps-Universität Marburg.

„Die Erforschung des Maghreb wird die Regionalwissenschaften weiterbringen. Mit der Einrichtung des Merian-Zentrums unter Leitung der Universität Marburg etablieren wir ein Alleinstellungsmerkmal in der Regionalforschung des Nahen und Mittleren Ostens in Deutschland“, sagt Ouaissa.

Tunesien ist aus der Sicht von Ouaissa ein idealer Standort. Das liegt nicht nur an der Lage des Landes im Herzen des Maghreb. Es bietet den Forscherinnen und Forschern aus Deutschland, Tunesien und vielen weiteren Ländern gute Bedingungen. „Tunesien ist das Geburtsland des Arabischen Frühlings und das einzige Land in der Region mit einem gelungenen Übergang zur Demokratie“, sagt Ouaissa. „Akademische Freiheit, Meinungs- und Pressefreiheit sowie eine Zivilgesellschaft mit lebendigen Debatten in den Bereichen Kultur und Politik bieten einen fruchtbaren Boden für unsere Arbeit.“

„Imagining Futures“ ist ein Hauptthema des MECAM. Im Mittelpunkt der Forschung steht dabei, wie die Gesellschaften im Maghreb Modelle für die Zukunft ihrer Region neu aushandeln. Eine tiefe Ungleichheit prägt diesen Prozess. Durch die Islamisierung und die Kolonialherrschaft wurde das westliche Nordafrika im Laufe der Geschichte zu einem Raum des intensiven Austauschs zwischen Afrika, dem Mittleren Osten und Europa. Hier treffen viele Ethnien, Kulturen, Sprachen und Religionen aufeinander. Die sozialen Unterschiede in den Ländern sind enorm. Es gibt prosperierende Regionen an den Küsten, in den Hauptstädten und in einigen Wirtschaftszentren. Dagegen fehlen besonders in ländlichen Gegenden Arbeitsplätze, Bildungsmöglichkeiten, Gesundheitsversorgung und Sicherheit. Die Folgen sind Flucht, soziale Unruhen und Extremismus. Wie gehen die Gesellschaften mit der Ungleichheit um? Dies ist das Thema des zweiten Aspekts der Forschung im MECAM: „Dealing with Disparity“.

Die Fragen zur Zukunft des Maghreb spiegeln sich in den fünf Themenfeldern des MECAM wieder. Diese befassen sich mit den Folgen der Abwanderung der jungen Generation, mit der Aufarbeitung vergangener Gewalttaten und Repressionen, mit der künstlerischen Darstellung von Erfahrungen und Zukunftsvorstellungen, mit der Suche nach einem nachhaltigen Wirtschaftssystem und mit der Frage, wie die Pluralität der Identitäten im Maghreb die Diskussion über Zukunftsmodelle beeinflusst.

Das Merian-Zentrum wird in die Université de Tunis integriert. Weitere Standorte des Zentrums sind in Casablanca und Beirut geplant. MECAM wird auch enge Beziehungen zum Verbindungsbüro der Philipps-Universität in Kairo unterhalten. Dreh- und Angelpunkt des Projekts wird jedoch Tunis sein, wo ein weiteres Verbindungsbüro der Marburger Universität entstehen wird. Hier treffen sich Forscherinnen und Forscher aus Deutschland und arabischen Ländern, Promovierende, Postdocs und junge Professorinnen und Professoren aus der ganzen Welt für gemeinsame Projekte.

Hintergrund

„Maria Sibylla Merian Centres for Advanced Studies“ sind internationale Forschungskollegs, die vom Bundesforschungsministerium (BMBF) finanziert werden. Ziel ist es, die Internationalisierung der Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften zu fördern. Die Merian Centres sind an einer wissenschaftlichen Einrichtung des Gastlandes angesiedelt und werden von deutschen Forschungseinrichtungen in Partnerschaft mit dieser Gasteinrichtung aufgebaut und betrieben. Das Bundesforschungsministerium bewilligte bereits Merian-Zentren in Indien, Mexiko, Brasilien und Ghana. Benannt sind sie nach der Naturforscherin und Künstlerin Maria Sibylla Merian (1647-1717).

Titelbild: Prof. Dr. Habib Sidhom, Präsident der Université de Tunis, und die Marburger Universitätspräsidentin Prof. Dr. Katharina Krause (vorne) unterzeichneten ein Memorandum of Understanding. – Foto: Gabriele Neumann

Quelle: IDW