Tunesien in der Pandemie: Worauf warten wir noch, um den Gesundheitsnotstand auszurufen?

Die renommierte Tageszeitung La Presse fragt in einem Artikel: „Tunesien in der Pandemie: Worauf warten wir noch, um den Gesundheitsnotstand auszurufen?. Hier eine Übersetzung: Mehr als fünfzehntausend Todesfälle durch Covid drängen unsere politischen Entscheidungsträger nicht dazu, während dieses grausamen Ausbruchs, der das Land und seine Bevölkerung einer tödlichen Gefahr aussetzt, an einem Strang zu ziehen. Jeder kämpft auf seine Art und Weise, um der Welt zu zeigen, dass er kämpft, um Leben zu retten. Aber in Wirklichkeit versucht jeder, Punkte zu machen oder die Bemühungen des anderen zu verunglimpfen, während jede Minute Leben genommen werden wegen dieses Tauziehens, dass nur das Gesundheitswesen verdunkelt und die Moral der Gesundheitsfachleute untergräbt.

Tunesien beklagt bereits mehr als fünfzehntausend Tote durch Covid-19. Die Zahlen sind alarmierend und erschreckend. Im Griff einer furchtbaren Welle hat das Land, dass mit dieser neuen Geißel konfrontiert ist, teilweise aufgrund des Auftretens neuer Varianten, die virulenter und weit übertragbar sind, wenig oder nichts getan, um sein Gesundheitssystem wieder aufzubauen. Um die eklatanten Defizite im Gesundheitswesen auszugleichen, hat die Regierung die Handvoll Minister, die sie hat (der Rest der Regierung konnte wegen des Vetos des Präsidenten gegen die Kabinettsumbildung nicht antreten), ins Feld geschickt und ließ die Gouverneure los, um Zwangsmaßnahmen gegen die Bevölkerung zu ergreifen, anstatt Tausenden von Patienten in Not zu helfen. Während die Mehrheit der Gouvernorate nun als rot eingestuft ist, beschränken sich die Maßnahmen auf die Abriegelung von Städten, Ausgangssperren und gesundheitsorientierten Eingrenzungen.

Dies hat nicht verhindert, dass die Zahl der täglichen Todesfälle rapide anstieg und die Zahl der Kontaminationen stark zunahm. Der Pflegebedarf wächst und das Gesundheitssystem steht kurz vor dem Kollaps. Mehrere Ärzte haben sich geoutet, um Alarm zu schlagen.
Da ist zum Beispiel Dr. Rafik Boujdaria, der klar feststellte: „Wir sind in der Katastrophenmedizin angekommen. Helfen Sie uns, denn die Krankenhäuser sind voll.
Dr. Ahlem Belhaj, Generalsekretärin der Union der Ärzte und Apotheker, betonte ihrerseits über Radio Mosaïque FM: „Wir brauchen eine klare Vision unserer Gesundheitspolitik. Es ist wahr, dass unser System schwach ist, aber es wehrt sich noch mit den wenigen Mitteln, die es hat, aber zu welchem Preis und bis wann?

Bewältigung der Krise im Gesundheitsnotstand?

In der Tat nähert sich die Kapazität unseres Gesundheitssystems, mit der Situation fertig zu werden, der Sollbruchstelle. Die Kapazitäten, sowohl in Bezug auf die physische Infrastruktur als auch auf die Anzahl der Mitarbeiter im Gesundheitswesen, wurden erheblich strapaziert. Die Pflegekräfte an der medizinischen Front arbeiten ununterbrochen, oft bis zur totalen Erschöpfung.
Aber worauf warten wir, um einen Gesundheitsnotstand auszurufen, um die Ressourcen zu mobilisieren, die zur Aufrechterhaltung unseres Gesundheitssystems benötigt werden? Wie können wir die Tatsache akzeptieren, dass Mitarbeiter, Ärzte und medizinisches Personal rekrutiert und monatelang nicht bezahlt werden?
Wie können wir kaltschnäuzig zusehen, wie Menschen auf der Straße vor Krankenhäusern oder in Notaufnahmen sterben, ohne dass sie eine adäquate Versorgung in Anspruch nehmen können und es zwar die Möglichkeit der Privatkliniken gibt, der Staat sie aber nicht in die Pflicht nehmen will?

Warum diese Angst vor einer umfassenden Eindämmung, wenn der Schaden bereits da ist und der Staat der gefährdeten Bevölkerung und den Unternehmen ohnehin nicht viel Hilfe und Unterstützung geleistet hat?

Die Prioritäten für die Bewältigung dieser Krise sind bekannt: Rekrutierung, Schuldenregulierung, Harmonisierung der Vision zwischen den verschiedenen politischen Akteuren, Zuteilung von Finanzmitteln, Import des Impfstoffs, strikte Anwendung der sanitären Maßnahmen, aber auch soziale Unterstützung für gefährdete Bevölkerungsgruppen, Aktivitäten und betroffene Sektoren. Wir können von den Menschen nicht verlangen, zu Hause zu bleiben, ihre Geschäfte zu schließen oder ihre kommerziellen Aktivitäten ohne die Unterstützung des Staates einzuschränken. Das ist die Stärke eines Staates, nicht nur Menschen zu bestrafen, die sich nicht an die Anweisungen halten, weil sie unmöglich zu akzeptieren sind.

Aktuelle Zahlen: https://www.tunesienexplorer.de/sars-cov-2-das-neuartige-coronavirus/covid-19-tunesien-grafik-tabelle/

Quelle („Tunesien in der Pandemie: Worauf warten wir noch, um den Gesundheitsnotstand auszurufen?): La Presse