Der Pass Sanitaire (Impfpass) spaltet die Nation

Der Pass Sanitaire spaltet die Nation. Am Freitagabend, den 22. Oktober 2021, hatte der Präsident der Republik, Kaïs Saïed, per Präsidialerlass die Impfung für alle Personen über 18 Jahren quasi zur Pflicht gemacht. Bürger und Besucher müssen einen Impfpass vorlegen, um Zugang zu bestimmten öffentlichen Bereichen wie Schulen, Universitäten, Verwaltungen, Restaurants usw. zu erhalten. Die Maßnahmen, die zwei Monate nach der gestrigen Veröffentlichung in Kraft treten, zwingen auch Staatsbeamte und Angestellte von Privatunternehmen, sich impfen zu lassen, da sonst ihre Arbeitsverträge ohne Lohnfortzahlung ausgesetzt werden, bis sie geimpft sind. Dieses Präsidialdekret hat diverse Reaktionen hervorgerufen. Einige sahen darin eine Verletzung der individuellen Freiheiten. Andere stimmten mit dem Argument zu, dass die Zurückhaltung bei der Impfung das Leben anderer gefährdet.

Von den Einschränkungen für Ungeimpfte sind auch Touristen betroffen. Nur Touristen, die mit einer Impfbescheinigung eine vollständige Impfung belegen können, dürfen in vollem Umfang Gastronomie- und Freizeitangebote (Cafés, Restaurants und verschiedene Kategorien von Lokalen, touristische Einheiten) betreten. Die Behörden werden Touristen bei ihrer Ankunft in Tunesien gegen den Nachweis der vollständigen Impfung einen tunesischen Impfpass ausstellen. 

Pro und Contra
Samir Abdelmoumen, Mitglied der wissenschaftlichen Kommission für den Kampf gegen Covid-19, stimmte dem Schritt voll und ganz zu und schrieb auf Facebook: „Bisher Ungeimpfte haben zwei Monate Zeit, um das wieder gutzumachen, sonst ist es zu schade für sie. Wir opfern kein Volk für einige Ignoranten. Die individuelle Freiheit hört auf, wenn ein ganzes Volk bedroht ist. Sollen sie zu Haue bleiben. 25.000 Tote sind zu viel.

Auch die Aktivistin Naziha Rjiba begrüßte die Entscheidung des Präsidenten der Republik. „Es wird vor einer neuen Welle gewarnt. Eine Infektion ist keine Freiheit. Und damit du frei sein kannst, musst du am Leben bleiben“.

Der Anästhesist Maher Abassi bezeichnete die Entscheidung von Kaïs Saïed als „die beste Maßnahme, die Tunesien gegen das Coronavirus ergriffen hat“ und als „die angemessenste angesichts der Mentalität eines Volkes, dass sich der Schwere dieser Krankheit und ihrer Auswirkungen auf die Wirtschaft eines bankrotten Landes nicht bewusst sei“. „Eine obligatorische Impfung sei die beste Lösung“, erklärte er auf Facebook.

Für Dr. Faouzi Addad, Professor für Kardiologie und sehr engagiert im Kampf gegen die Covid-19-Pandemie, ist trotz der mehr als 4 Millionen tunesischen Bürger, die ihr Impfprogramm absolviert haben, und der mehr als 8 Millionen verabreichten Impfdosen der Gesundheitspass eine obligatorische Reaktion auf die Verlangsamung der Impfungen in den letzten Monaten. Die Abwesenheitsquote in den Impfzentren wird von Tag zu Tag höher, zumal die Epidemie in vielen Ländern trotz einer Durchimpfungsrate von rund 80% wieder ausbricht. Der Gesundheitspass stelle zwar eine Einschränkung der individuellen Therapiefreiheit dar, ist aber auch die einzige Möglichkeit, die Gefährdung anderer im Falle einer solchen Epidemie zu verhindern. Die bisher Ungeimpften hätten zwei Monate Zeit, um zu entscheiden, ob Sie sich impfen lassen wollen oder nicht. Danach seien die Türen der öffentlichen Verwaltungen und aller Freizeiteinrichtungen für Sie verschlossen. Das Gesetz sei eindeutig und werde streng durchgesetzt. Es gäbe nur eine Immunität, die Ihnen den Zugang zu diesen Orten ermöglicht, und das wäre die Immunisierung durch Impfung.

Der zurückgetretene Abgeordnete Mabrouk Korchid sprach sich seinerseits entschieden gegen diese Maßnahme aus und verglich sie mit den Razzien für die Wehrpflicht. Als „gefährlich“ bezeichnete er auch die Verpflichtung zur Impfung von Arbeitnehmern, damit diese ihren Arbeitsplatz behalten können, und wies darauf hin, dass dies bisher nirgendwo auf der Welt geschehen sei. Allerdings scheint er vergessen zu haben, dass in Frankreich die Impfpflicht und der Gesundheitspass seit August in mehreren Wirtschaftszweigen gelten.

Der stellvertretende Generalsekretär der Gewerkschaft UGTT äußerte sich ebenfalls ablehnend gegenüber der Impfpflicht, da sie die Gefahr berge, „dass wir zu Robotern und Maschinen werden, die geschmiert werden müssen, damit sie weiter funktionieren“.

Dagegen sprach sich auch die Vereinigung der Restaurantbesitzer am Samstag, den 23. Oktober 2021, gegenüber Mosaique FM aus. Die Entscheidung, einen Gesundheitspass für den Zugang zu Restaurants einzuführen, sei unlogisch und unmöglich anzuwenden. Es sei unmöglich, von den Kunden zu verlangen, dass sie die Gesundheitskarte vor allem während der Stoßzeiten vorlegen, zumal die Mittagspausen nicht lang seien. Diese Entscheidung werde negative Auswirkungen auf die Restaurantbesitzer haben, die nach der Coronavirus-Pandemie und dem Anstieg der Rohstoffpreise ohnehin schon zu kämpfen hätten.

Quelle: Business News | Mosaique FM |Kapitalis |