Amnesty: Tief verwurzelte Ungleichheiten im Gesundheitssystem

Die Reaktion der tunesischen Behörden auf die COVID-19-Pandemie, insbesondere ihr Umgang mit der nationalen Impfkampagne, hat tief verwurzelte Ungleichheiten im Gesundheitssystem des Landes aufgedeckt, erklärte Amnesty International am Montag, den 25. April 2022. Obwohl die Weltgesundheitsorganisation (WHO) davor warnt, dass neue COVID-19-Varianten eine neue Ansteckungswelle auslösen könnten, haben nur 54% der tunesischen Bevölkerung zwei Impfdosen und 10% eine dritte Dosis erhalten. Die Rate der mit drei Dosen geimpften Personen nähert sich in einigen städtischen Gebieten 60%, während sie in vielen ländlichen Gebieten nur 4,5% beträgt.

In einem neuen Bericht mit dem Titel „COVID-19-Impfstoffe und Zugang zu Gesundheitsleistungen in den ländlichen Gebieten Tunesiens“ beschreibt Amnesty International die großen Unterschiede in der Durchimpfungsrate zwischen den städtischen Küstengebieten und den ländlichen Regionen des Landes. Um herauszufinden, welche strukturellen Hindernisse den Bewohnerinnen und Bewohnern ausgegrenzter Regionen den gleichberechtigten Zugang zu Impfstoffen erschweren, führte die Organisation Feldforschung in der Delegation Ghardimaou (Gouvernorat Jendouba) durch, einer armen Region in einem Berggebiet nahe der Grenze zu Algerien.

„Am ersten Tag der Weltimpfwoche erinnern wir die tunesischen Behörden daran, wie wichtig es ist, der gesamten Bevölkerung den gleichen Zugang zu Impfstoffen zu ermöglichen und den am stärksten ausgegrenzten Menschen Vorrang einzuräumen. Es ist nicht hinnehmbar, dass im heutigen Tunesien in Zeiten einer Pandemie die ländlichen Regionen wieder einmal vergessen werden und mehr als halb so viele Impfstoffe erhalten wie die städtischen Regionen“, sagte Amna Guellali, stellvertretende Regionaldirektorin von Amnesty International für den Nahen Osten und Nordafrika.

Eklatante Ungleichheiten
„Die tunesischen Gesundheitsbehörden müssen sicherstellen, dass alle Menschen unabhängig von ihrem Wohnort und ihrer sozioökonomischen Situation ihr Recht auf Gesundheitsleistungen wahrnehmen können. Sie müssen diese eklatanten Ungleichheiten dringend beseitigen und mit höchster Priorität Strategien zur Verbesserung der Gesundheitsinfrastruktur in ländlichen Gebieten verabschieden, insbesondere da neue COVID-19-Varianten eine neue Welle von Ansteckungen und weitere Verluste an Menschenleben verursachen könnten.“
Seit Dezember 2020 wurden in Tunesien offiziell mindestens eine Million COVID-19-Fälle sowie 28.509 Todesfälle gezählt. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums haben zwar mehr als 6,3 Millionen Menschen zwei Dosen des COVID-19-Impfstoffs erhalten, aber nur 1,18 Millionen haben eine dritte Dosis zur Auffrischung erhalten.

Bestimmte Gruppen werden auf Kosten anderer begünstigt
Historisch gesehen hat sich das tunesische Gesundheitssystem immer als fragil und schlecht über das Land verteilt erwiesen, da der Zugang zu Dienstleistungen in ländlichen Gebieten oft eingeschränkt ist. Diese Regionen leiden zudem unter unverhältnismäßig hohen Armuts- und Arbeitslosenquoten. Diese Ungleichheiten spiegeln sich auch in der nationalen Impfkampagne wider. Die seit Juni 2021 veröffentlichten offiziellen Daten zeigen große Unterschiede bei der Durchimpfungsrate zwischen ländlichen und städtischen Gouvernoraten.
Laut der von Amnesty International durchgeführten Analyse der landesweiten Impfdaten waren am 17. April 2022 in den überwiegend ländlichen und im Landesinneren gelegenen Gouvernoraten Tataouine (38,20%) und Kairouan (37,79%) weniger als 40% der lokalen Bevölkerung vollständig geimpft, während in einigen städtischen und an der Küste gelegenen Gouvernoraten wie Tunis (65,25%) und Ben Arous (62,57%) mehr als 60% der Bevölkerung geimpft waren.
Amnesty International erklärt, sie habe festgestellt, dass die tunesische Impfstrategie bestimmten Gruppen aufgrund ihres Alters oder Berufs Vorrang einräumt, ohne sozioökonomische Faktoren und den historisch bedingten Mangel an Zugang zu Gesundheitsversorgung in ländlichen Gebieten zu berücksichtigen.

Titelbild: Anteil der vollständig geimpften Bevölkerung und Anteil an der gesamten Landbevölkerung in den 24 tunesischen Gouvernoraten am 17. April 2022.

Quelle: Amnesty International: Bericht (.pdf) in Englisch | Französisch | Arabisch